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Lebendige Charaktere entwickeln – 5 Tipps für Autoren

Lebendige Charaktere entwickeln – 5 Tipps für Autoren

Wie entwickelst Du überzeugende und lebendige Charaktere für deinen Roman? Im Internet und in Autorenratgebern findet man hierzu eine Vielzahl von Tipps. Dabei gibt es kein Rezept oder einen Baukasten für lebendige Romanfiguren. Wer wissen will, wie man einen überzeugenden Helden entwickelt, schaut sich am besten unsterbliche Charaktere aus der Literatur an. Es gibt eine Vielzahl von fiktiven Romanfiguren, welche uns gerade wie lebende Personen erscheinen und von Autoren meisterlich entwickelt wurden.

Charaktere
Mit unseren fünf Tipps werden Charaktere keine Schatten ihrer selbst, Bild © by Rainer Sturm / pixelio.de

Dieser Beitrag beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung von Hauptcharakteren. Es geht darum, wie Du eine besondere und unverkennbare Figur für dein Buch entwickelst. Der Leser soll mit deinem Helden mitfühlen, sich über seine Rückschläge ärgern und seine Fortschritte bejubeln. Es geht um die Entwicklung des ganz besonderen Charakters. Er hebt sich von den anderen Figuren ab und Du gibst deinem Roman eine unverkennbare Note.

1. Entwickle einen aktiven Helden

Ein überzeugender Romancharakter ist kein passiver Charakter, auf diese kurze Formel kann man es bringen. Der Hauptcharakter deiner Geschichte ist der Held, er muss die Handlung aktiv vorantreiben. Ein passiver Held ist letztendlich eine schwache Figur und gewinnt die Sympathie der Leser nicht. Dabei geht es nicht um eine perfekte Romanfigur, welche problemlos alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Dein Held kann und soll sogar Schwächen haben. Es ist vielmehr wichtig, dass dein Buchcharakter sich dem Konflikt stellt und alle Energie aufwendet, die Handlung des Romans voranzutreiben. Nur so können Charaktere eine Entwicklung durchmachen.

Passive Charaktere kommen beim Leser nicht gut an , Bild © by MF / pixelio.de

Eines der schönsten Beispiele für einen Helden, der mit Energie auf sein Ziel zustrebt, ist Frodo aus dem Herrn der Ringe. Obwohl der Ring seinen Willen immer mehr beherrscht und mit jedem Schritt etwas schwerer wird, bewegt er sich auf den feurigen Berg zu und vernichtet den Ring am Ende. Auch Don Quijote ist ein gutes Beispiel für einen aktiven Charakter. Auch wenn ihn die Realität immer wieder böse Streiche spielt und Sancho Panza keine echte Hilfe ist, stellt er sich dem Konflikt und wirklich jeden Konflikt im Roman von Cervantes. Du siehst bereits an diesen Beispielen, aktive Helden müssen nicht perfekt sein und wirklich lebendige wie auch sympathische Figuren sind es auch nicht.

2. Verzichte bei Charakteren auf Stereotypen

Wenn Du deine Romanfigur entwickelst, ist es ratsam nicht mit Stereotypen zu arbeiten. Im Krimi kennt man besonders viele Stereotypen. Hierzu gehören zum Beispiel Draufgängertypen, der tollpatschige Anfänger, Wissenschaftler oder halbkriminelle Ermittler. Du kannst Dir denken, wie viele Geschichten in der Vergangenheit mit solchen Charakteren geschrieben wurden, welche letztendlich immer gleich und damit austauschbar sind. Eine blasse und auswechselbare Figur möchtest Du sicherlich nicht als Hauptcharakter in deinem Buch haben. Doch Du kannst bei deiner Figur mit den Stereotypen spielen und aus typischen Charakterzügen etwas völlig Neues erschaffen.

Wie so etwas funktionieren kann, verdeutlicht eine kleine Geschichte aus der Antike. Zeuxis von Herakleia war griechischer Maler etwa im 4 Jahrhundert v. Chr. Er erhielt den Auftrag, Helena für den Tempel von Kroton zu malen. Der Auftrag war im gewissen Sinne anspruchsvoll, schließlich ging es darum, die schönste Frau der Antike ohne Vorlage zu malen. Doch Zeuxis hatte eine Idee und ließ die fünf schönsten jungen Frauen von Kroton rufen. Die Mädchen hatten auf ihre Art eine perfekte Seite, Zeuxis kombinierte dies und schuf daraus das Bildnis der Helena. Hier liegt eine interessante Kombinationstechnik vor, welche Du auch für Charaktere nutzen kannst. Es wäre ebenso denkbar, dass Du Charakterzüge von stereotypen Figuren niederschreibst, diese kombinierst und damit experimentierst.

3. Gibt deiner Romanfigur ein unverkennbares Merkmal

Viele Romanhelden haben eine Besonderheit, welche diese Figuren unverkennbar macht. Bei Sherlock Holmes ist es seine Tabakpfeife. Oskar Matzerath von Günther Grass wird durch seine Trommel charakterisiert. Harry Potter wiederum hat seine unverkennbare Brille und dazu eine Narbe auf der Stirn. Dann gibt es wiederum unverkennbare Paare wie Don Quijote und Sancho Panza. Diese Charaktere aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Genre haben alle ein unverkennbares Merkmal. Es reicht schon ein Bild oder eine graphische Darstellung, damit man jede dieser Romanfiguren ganz einfach erkennen kann. Diese kleinen Besonderheiten sind eine Strategie, um einen lebendigen Buchcharakter zu gestalten.

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Gibt deiner Romanfigur ein unverkennbares Merkmal, Bild © by Hans-Joachim Köhn / pixelio.de

Oft reichen Kleinigkeiten, um eine Figur unverkennbar zu charakterisieren. Las hierbei etwas deine Fantasie spielen. Diese besondere Äußerlichkeit und dieses einzigartige Merkmal sollte nur für deinen Hauptcharakter oder ein Charakterduo deines Romans sein. Dadurch hebt sich dein Held von den anderen Charakteren deines Romans ab. Viele Autoren geben sich auch immer wieder sehr viel Mühe, besonders klangvolle Namen für ihre Romancharaktere zu finden und verwenden sehr viel Energie darauf. Doch man kann darüber streiten, ob eine Hauptfigur einen besonders klangvollen Namen braucht. Sind Charakternamen wie Sherlock Holmes oder Harry Potter besonders originell oder erscheinen sie uns so klangvoll, weil wir sie immer wieder gehört haben. Ein schöner Namen macht zumindest noch keinen lebendigen Charakter.

4. Charaktere sollen Schwächen haben

Neben einer unverkennbaren Besonderheit sollte deine Figur eine oder besser mehrere Schwächen haben. Dadurch wird der Romancharakter menschlich und für den Leser sympathisch. Es können Kleinigkeiten oder Macken sein. Doch diese Schwächen sollten für die Handlung von Bedeutung sein und den Charakter beim Erreichen eines Ziels im Weg stehen. Alibi-Schwächen wie die Angst vor Spinnen oder Flugangst, obwohl im ganzen Roman keine Spinne oder ein Flugzeug vorkommen, sind letztendlich Scheinschwächen und werden vom Leser eiskalt durchschaut. Es ist ratsam, dass Du deine Figur im Verlauf der Handlung einige Schwächen ablegen lässt und so eine Entwicklung stattfindet.

Ein schönes Beispiel für einen Charakter, der immer mit seinen Schwächen zu kämpfen hat, ist Pierre Besuchow aus Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Sein Hang zum übermäßigen Essen und Trinken behindert ihn immer wieder. Auch seine Gewohnheit auf einem adligen Gesellschaftsabend mehr dem Wein als seinen Gesprächspartnern, Aufmerksamkeit zu schenken, bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten. Erst gegen Ende von Tolstois Wälzer, wo sich Pierre in französischer Gefangenschaft befindet, beginnt er langsam diese Laster abzulegen. Wenn Du einfallsreich bist, kannst Du aus der Schwäche deines Romancharakters eine echte Stärke machen. John Franklin als Hauptfigur in Entdeckung der Langsamkeit (Sten Nadolny) macht sein Handicap im Verlauf des Romans zu einer Stärke, indem seine Schwäche der Langsamkeit besondere Ruhe und Genauigkeit entgegensetzt.

5. Erstelle ein Charakterblatt für deine Figuren

Es ist sinnvoll, für die wichtigsten deiner Figuren ein kleines Charakterblatt zu erstellen. Dort kannst Du alles notieren, was Dir wichtig erscheint. Hierzu können zum Beispiel die äußerlichen Merkmale, Eigenschaften oder die Vorgeschichte der fiktiven Figur gehören. Es ist ratsam dieses Charakterblatt immer zu pflegen und bei Bedarf zu erweitern. Selbst wenn Du nicht alle diese Details für dein Buch brauchst, gibst Du damit deinen Figuren auf diese Weise mehr Tiefe und so entstehen lebendige Charaktere. Perfektionisten sollten hier jedoch nicht übertreiben und zu viel Zeit in die Figurenentwicklung investieren.

Es gibt verschiedene Programme, welche Dir die Erstellung von Figuren-Datenbanken ermöglichen. Das bekannteste deutschsprachige Programm hierzu ist Papyrus Autor. Aus Österreich kommt Patchwork. Das Autorenprogramm bot zuletzt einen immer größeren Leistungsumfang. Viele Autoren schwören auf das englischsprachige Scrivener mit umfangreichen Funktionen für Schriftsteller. Die drei genannten Programme sind kostenpflichtig. Sucht Du nach einer kostenlosen Software, empfiehlt sich das englischsprachige yWriter. Auch mit diesem Programm kann man Charaktere verwalten. Doch wenn es Dir wirklich nur um eine Figuren-Datenbank geht, kannst Du selber Charakterbögen nach deinen Wünschen mit einem Textverarbeitungsprogramm erstellen. Selbst die gute alte Karteikarte kann diesen Zweck erfüllen. Du hast diese Karten dazu jederzeit griffbereit, selbst wenn Du nicht am Computer an deinen Roman arbeitest.

Nicht alle Figuren werden mit Autorenratgebern und am Schreibtisch entwickelt

Zu Beginn wurde es schon gesagt: Es gibt kein Rezept für gute Charaktere. Doch wenn Du diese fünf Tipps befolgst, wird der Held deines Romans überzeugender als die Figuren in vielen anderen Büchern. Dazu ist es nicht sinnvoll, alle Romancharakter am Schreibtisch zu entwickeln. Beobachte Menschen in deiner Umgebung. Lasse Dich von Freunden, Bekannten und Verwandten inspirieren. Auch wenn es etwas platt klingt: Das Leben schreibt die besten Geschichten und erfindet die originellsten Charaktere. Im Alltag findest Du sicherlich die richtige Inspiration und Ideen für Romanfiguren. Mit den 5 Tipps für lebendige Charaktere kannst Du dann eine Figur entwickeln, welche den Leser anspricht.